
Hans Wolbers ist ein holländischer Artdirector, der an der Kunstuniversität in Utrecht in den Niederlanden angewandte Kunst und Design studierte. Nach seiner Promotion gründete er Lava Amsterdam; ein Studio, das sich schon bald zu einem von Hollands führenden Designbüros entwickelte, welches für sein Talent bei der Kreation und Entwicklung intelligenter und moderner redaktioneller Publikationen bekannt wurde. 2002 wurde er Mitglied der AGI (Alliance Graphique Internationale). Heute stehen bei Wolbers als Leiter der Lava und bei seinem Team kreative Strategien, redaktionelles Design, interaktives Design und dynamische Erscheinungsbilder im Vordergrund. Die Agentur gewann zahlreiche internationale Preise; ihre Arbeit wurde in diversen Ländern ausgestellt. Wolbers hält regelmäßig Workshops und Vorlesungen in Europa, Russland, Taiwan, China, Indonesien und dem Iran. 2012 erweiterte Lava seine kreativen Tätigkeiten durch Gemeinschaftsprojekte in Moskau, Istanbul und Seoul – sowie durch die Eröffnung eines ständigen Büros in Peking.
Das Büro von Lava in einem alten Getreidespeicher am Ufer von Amsterdam gleicht einer lichtdurchfluteten Kathedrale. Beim Betreten wird die Aufmerksamkeit jedoch nicht so sehr vom hoch aufragenden Raum in Bann genommen wie durch das, was auf Augenhöhe zu sehen ist. Es scheint, als sei jede verfügbarere Fläche mit Bergen von Papier bedeckt worden. Papierhaufen. Papierriese. Papierrollen. Die weißen Blätter sind auf langen Tresen gestapelt; dazwischen, eng gepfercht, die Arbeitsplätze. Rund um den Ort sind an schwarzen Brettern Zettel mit Notizen übereinander geschichtet. „Die Leute mit dem größten Papierverbrauch in unserem Unternehmen sind die Webdesigner“, erklärt Hans Wolbers, der Lava vor 25 Jahren gründete. „Sie brauchen Papier zum Denken. Es ist so viel schneller als digitale Hilfsmittel.“ Heute gelangt nur ein Drittel der Agenturarbeiten in den Druck. Als redaktionelles Design das Hauptgeschäft von Lava war, handelte es sich um weitaus mehr. Nun bestehen die Kreativteams aus Grafik-, Motion- und interaktiven Designern, welche Marken und Kommunikationsprojekte für einen weitreichenden Kundenstamm bearbeiten. „Wir wählen Papier nicht mehr so häufig, wie wir es vor zehn Jahren getan haben, aber wenn dies der Fall ist, achten wir besonders darauf, was die Wahl über das Projekt aussagt“, so Wolbers. „Die Persönlichkeit des Papiers muss die Persönlichkeit der Markenbotschaft widerspiegeln.“ Papier ist in den Niederlanden eine wichtige Angelegenheit. Rembrandt experimentierte für seine Radierungen mit unterschiedlichen Papieren (einige lokale, einige aus Japan importiert), um völlig unterschiedliche Farbtonvariationen zu erzielen. Ende des 18. Jahrhunderts galt niederländisches Papier als das feinste Europas. Es wurden besonders fortschrittliche Herstellungstechniken angewandt, welche ausgesprochen schöne Ergebnisse der Drucktechnik hervorbrachten. „Aber das beste Papier der Welt ist wertlos, wenn die darauf befindliche Information bedeutungslos ist“, bemerkt Wolbers. „Darum habe ich eine Hassliebe-Beziehung zu Papier. Es ist verzwickt: Sie müssen das richtige Papier wählen, denn seine Aussage ist Teil des Inhalts.“
Véronique Vienne

Véronique Vienne:
Wie wissen Sie, dass es das „richtige“ Papier ist?
Hans Wolbers:
Die Wahl des Papiers beginnt damit, es zu „ertasten“, aber auch mit seinem Gewicht. Wenn Sie der Ansicht sind, dass das Druckerzeugnis wertvoll ist, dann ist Gewicht etwas Gutes. Je leichter das Papier, desto weniger Respekt haben die Leser für das Gelesene. Es gibt viele Klischees wie diese. So abgedroschen sie auch wirken mögen, Sie können sie nicht ignorieren. Sie müssen über die Mutmaßungen nachdenken, welche Leser beim Fühlen von Papier aufstellen werden. Obwohl beispielsweise ungestrichenes Papier sehr viel teurer sein kann als gestrichenes Papier, entsteht der Eindruck, dass es billiger ist. Und sie würden keine Kommentare zur Umwelt auf Hochglanzpapier drucken wollen – auch wenn es umweltfreundlicher sein kann als mattes Papier – es würde schlicht die falsche Botschaft senden. Die Wahl des Papiers ist nicht nur Bestandteil der Markenbotschaft, sie informiert Benutzer auch darüber, was danach zu tun ist: ob die Veröffentlichung, das Buch oder die Zeitschrift, die sie gerade lesen, aufbewahrt oder weggeworfen werden soll.
Druckerzeugnisse sind etwas, was die meisten von uns nur widerwillig wegwerfen. Auf einem Papier gelesene Informationen bleiben länger im Gedächtnis als dieselben Informationen, wenn sie auf dem Bildschirm zu sehen sind – demzufolge ist die natürliche Tendenz, sie aufzubewahren.
Wichtige Unterlagen, Dinge, die Sie behalten möchten, über die Sie nachdenken möchten usw., sind auf Papier gedruckt am besten aufgehoben. Der zeitliche Rahmen von Printmedien ist sehr viel langsamer als jener ihrer digitalen Gegenstücke. Nicht nur, weil sie langlebiger sind, sondern auch, weil sie langsamer produziert werden. Aber das ist nicht der Hauptpunkt. Nehmen wir einmal an, dass – während wir hier reden – irgendwo in Südkorea jemand einen digitalen Bildschirm erfindet, der aussieht wie Papier und sich auch genauso anfühlt. Aber selbst wenn? Was sagt dies zur Langlebigkeit aus? Wird die Information darauf überleben? Wird sie attraktiver, interessanter oder einprägsamer sein als die Informationen, die auf herkömmlichem Papier gedruckt sind? Was mich interessiert ist wie lange die Information von Bedeutung sein wird, nicht ob sie auf Papier, auf einem Bildschirm oder einer sonstigen wundersamen Oberfläche verfügbar ist.
Sprechen Sie von Informationen in Textform? Was ist mit Bildern? Sehen sie nicht auf einer hellen und glänzenden Oberfläche besser aus?
Das Problem bei gedruckten Bildern ist nicht, wie sie aussehen, sondern wie sie wirken. Dank der Technologie gibt es in dieser Zeit keinen Mangel an großartig aussehenden Fotos, doch was drücken sie aus? Sicher, was die Menschen wollen, sind visuelle Geschichten – Geschichten, die in Bildern erzählt werden. Aber ich möchte Sie etwas fragen: Warum auf Bilder starren, wenn Sie kurze Dokumentationen auf Ihrem Tablet anschauen können? Wenn ich Fotografen zum Einsatz schicke, sage ich ihnen, kurze Fünf-Sekunden-Filme anstelle von Porträts oder Bildern zu machen. Wenn Sie Bilder wollen, können Sie in Museen gehen, um Gemälde, Zeichnungen, Radierungen, Aquarelle sowie wunderschöne gedruckte Plakate zu betrachten.
Titel - Stallinga: This is our logo
Author - Murray Moss & Erik Viskil
Designer - Lava/Hans Wolbers
Veröffentlicht - 2001
Sie glauben nicht, dass Darstellungen in unserer Kultur weiterhin einen Platz haben?
Um ehrlich zu sein, wissen wir eigentlich gar nicht mehr, was visuelle Kommunikation tatsächlich ist. Wir haben die Fähigkeit verloren, Bilder als Symbole zu lesen. In der Vergangenheit konnten Menschen, welche des Lesens nicht fähig waren, dennoch Zeichen deuten. Des Lesens Unkundige betrachteten bildliche Darstellungen und erhielten die Botschaft auf eine Weise, die wir heutzutage nicht einmal verstehen können. Kommentare wie: „Dies ist ein wirklich schönes Bild“ sind aus meiner Sicht bedeutungslos. Ich persönlich mache mir nichts aus wunderschönen Bildern – ich möchte wissen, was sie zu sagen versuchen. Ich bin ein typischer Büromensch. Ich bin kein Künstler. Ich entscheide mich für das Konzept, das richtig ist. Unglücklicherweise denken zu viele Digital-Designer immer noch wie Print-Designer, bei denen Informationen wie eine Reihe von Standbildern auf den Bildschirm gebracht werden – fast wie rotierende Plakate der Anzeigetafeln auf den Straßen. Ich kenne sogar einige Designer, die statische Plakate entwerfen und diese dann als PDF-Dateien an einen Bildschirm versenden. Es ist lächerlich. Sie könnten auf demselben Bildschirm genauso gut bewegte Bilder oder zumindest Links zu Videos anzeigen. Dies ist etwas, das wir Designern noch beibringen müssen: aufzuhören, Printmedien in digitale Medien zu übertragen, und stattdessen direkt in bewegten Bildern zu denken.
Wenn wir doch nur gedruckte Bilder zum Leben erwecken könnten!
Das ist genau das, woran ich dieser Zeit arbeite. Ich habe dieses neue Betrachtungsgerät entwickelt, mit dem Sie Schichten gedruckter Bilder unter geregeltem RGB-Licht anschauen können. Wenn sie langsam das Gleichgewicht zwischen dem roten, dem grünen und dem blauen Licht ändern, werden unterschiedliche Abschnitte der Bilder zum Leben erweckt. Es ist atemberaubend. Sie bekommen den Eindruck, dass das Bild sich direkt vor ihren Augen bewegt. Was bei Tageslicht aussieht wie ein normales Plakat, wird beim Anblick durch mein Gerät zu einem lebenden, atmenden und animierten Bild. Ist es analog oder digital? Es ist mir egal. Mich interessiert, dass meine Schichtbilder auf dem bestmöglichen Papier gedruckt werden, so dass die Weißtöne strahlend und die gedruckten Farben so glänzend wie möglich sind. So wähle ich Papier: als Teil eines Grundkonzepts. Ich liebe Papier, aber es hat einem Zweck zu dienen, den ich benennen kann.
Würden Sie sagen, dass Papier eine eigene Sprache ist? Ist es mehr als eine bloße Oberfläche, ist es eine Form des Ausdrucks?
Fragen Sie das meine Webdesigner. Für sie ist Papier die Sprache der Gedanken, der Suche, der Analyse. Sie schätzen die Vielseitigkeit von Papier – seine Formate und seine Zweckmäßigkeit. Für Buchdesigner kann es um Textur, Farbe und Gewicht gehen. Für Drucker kann es darum gehen, wie Papier auf die diversen Farben reagiert. Für mich ist Papier ein Kommunikationsmittel. Auch wenn es sich beim Druckerzeugnis nicht um das Endprodukt handelt: Ich weiß, dass Papier irgendwo innerhalb des kreativen Prozesses eine entscheidende Rolle spielen wird.