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© Goo Han

Park Kum-Jun

Südkorea

„Meine Arbeit auf dem Papier gibt ihr Geheimnis allmählich preis; eine Entdeckung nach der anderen.“

Der ausgezeichnete südkoreanische Designer Park Kum-jun gründete seine Design-Agentur 601BISANG im Jahr 1998. Im Laufe der Jahre drückte seine Arbeit eine tiefe philosophische Verpflichtung gegenüber existenziellen Werten in Verbindung mit dem koreanischen Kulturerbe aus. Für seine Kunden entwirft er Kataloge, Ausstellungsplakate, Kalender, Zeitschriftencover und konzeptuelle Installationen.  „Wir designen nicht nur für unsere Kunden – wir werden unsere eigenen Kunden, um das zu designen, was wir wollen“, sagt er. Zahlreiche seiner berühmtesten Projekte sind durch ihn selbst entstanden. Die Agentur hat unzählige Auszeichnungen, Goldmedaillen, erste Preise und Trophäen internationaler Design-Organisationen gewonnen, darunter im Jahr 2012 den renommierten „Red Dot: Agency of the Year” Ehrenpreis. Dabei wurde die kontinuierlich hohe Designleistung von 601BISANG hervorgehoben, einem in der asiatischen Design-Szene für seine unablässige Kreativität äußerst geschätzten Studio. Seit 2008 ist Park Kum-jun Mitglied von AGI (Alliance Graphique Internationale).

Park Kum-jun versendete von Südkorea ein großes Paket, gefüllt mit den schönsten Beispielen seiner Arbeit. Darin befanden sich geschickt eingewickelte einzelne Verpackungen, die von eleganten Kartonschachteln umhüllt waren. Das Öffnen einer jeden von ihnen war ein Ritual. Einige der Schachteln, so stellte sich heraus, waren nicht nur von außen, sondern auch innen mit erlesenen Motiven bedruckt. Darauf folgten Schichten von Papier zum Schutz vor Beschädigungen. Die Erwartung war köstlich: Bis man den endgültigen Inhalt in der Hand halten konnte – ein Buch, einen Katalog, einen Kalender, eine Broschüre –, waren alle Sinne auf der Suche: die Augen, die Finger, aber auch die Geschmacksknospen. Wer hätte gedacht, dass das Durchblättern einer Veröffentlichung auch eine Erfahrung sein konnte, bei der das Wasser im Munde zusammenlief? „Papier ist eine sehr sinnliche Schöpfung mit einem eigenen Leben“, sagt Park Kum-jun. „Es atmet und enthüllt seine Gefühle auf seine eigene, einzigartige Weise.“ Er glaubt fest daran, das Zeichnen ein Prozess ist, der die einem Objekt innewohnende Schönheit hervorheben sollte. Für ihn ist dieses Objekt in den meisten Fällen Papier. Seine Agentur in Seoul bearbeitet kulturelle Projekte für Museen, Festivals oder besondere Anlässe. Er hat so viele Designpreise gewonnen, dass es einem schwindelig wird. Alles, was er berührt, so scheint es, wird zu einem Kunstwerk. Kum-juns Geheimnis ist seine Liebe zu Hanji, dem traditionellen koreanischen Papier, welches aus der inneren Rinde von Maulbeerbäumen gefertigt wird. Dieses ausgesprochen solide und dabei doch angenehm weiche handgemachte Papier soll tausend Jahre alt werden können. Eine seiner Eigenschaften ist die unregelmäßige Art und Weise, mit der es Tinte absorbiert. So entstehen unerwartete Ergebnisse, welche Spontaneität in die Zeichnungen bringen, die sonst zu starr aussehen könnten. „Impromptu, jedoch präzise“, sagt Kum-jun, um die Qualität zu beschreiben, die er in seiner Arbeit zu erreichen versucht. Sein Ziel ist es, mit Kreationen, welche eine spirituelle Dimension einfangen, „die Aufmerksamkeit auf Dauerhaftigkeit“ zu richten.


 

Véronique Vienne

 

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Interview

Véronique Vienne:
Denken Sie, dass die Gefahr besteht, dass wir eine „papierlose Gesellschaft“ werden?

Park Kum-Yun:

Es ist wahr, dass mobile Geräte wie Smartphones und Tablets immer mehr den Platz von Papier einnehmen. Diese Tendenz wird zweifelsohne weiter expandieren. Dennoch verfügt Papier über Eigenschaften, die unsere Intuition anregen: Das Fühlen und der Geruch von Papier, welcher sich mit der Zeit verändert, können nicht über einen Bildschirm vermittelt werden. Ich denke, dass die Krise, in welcher sich Papier momentan befindet, in eine Gelegenheit verwandelt werden kann, um neue Möglichkeiten zu eröffnen und für Papier neue Funktionen zu erfinden. Auch wenn Papier seine Grenze als Druckmedium erreicht hat, wird sein Wert in verschiedenen Bereichen weiter zunehmen. In der Tat befindet sich die Papierindustrie in kontinuierlichem Wachstum. Papier wird in industrieller Hinsicht zu einem Mehrzweckmaterial. Das Wesen von Papier trägt im Gegensatz zum „digitalen Papier“ zu seiner Wertsteigerung bei. Papier bildet erneut seine Identität als ein Medium heraus, welches nicht nur unsere emotionalen Bedürfnisse befriedigt, sondern uns ebenfalls hilft, unsere Kreativität zu erkunden.

An welchem Punkt ihres schöpferischen Prozesses wird die Wahl des Papiers zum kreativen Tun?

Papier flößt Emotionen in Inhalt und Form, deshalb wähle ich das Papier in der Vorplanungsphase. Manchmal beginnt und wächst ein vollständiger Plan oder eine Idee mit einer spezifischen Papiersorte. Eine umfassende Überprüfung der Papierauswahl, des Druckverfahrens und der Verarbeitungsmethode hilft bei der Umsetzung der geplanten Absicht. In jedem Fall sind die Berücksichtigung der Kommunikationsziele, die Tönung sowie die kulturelle Sprache des Projekts von wesentlicher Bedeutung.

Wie werten Sie das beste Papier für ein bestimmtes Projekt aus?

Ich konzentriere mich darauf, welche Atmosphäre oder welche Gefühlspalette ich erreichen möchte.  Eine „Atmosphäre“ oder Palette an „Gefühlen“ im ästhetischen Sinn ist das Ergebnis einer eng verknüpften Zusammensetzung von Elementen, ähnlich einem lebenden Organismus. Eines dieser Elemente ist Papier.  Aus meiner Sicht kommuniziert es emotional vor allem durch seine Textur, ob es sich rau oder weich anfühlt. Aber vergessen wir nicht die Klangeigenschaften von Papier! Ich gestaltete einmal drei Daumenkinos, bei denen ich mir den Klang von Papier zu Nutzen machte. Diese Töne in Kombination mit Symbolen sollten das Gehör der Zuschauer anregen und sie dazu anleiten, sich mehr Klänge vorzustellen. Ich versuche stets, die Grenzen der „Synästhesie“ des Betrachters zu verschieben – seiner oder ihrer Fähigkeit, mehrfache Eindrücke gleichzeitig zu verarbeiten. Synästhesie ist ein neurologisches Phänomen, bei dem ein sensorischer oder kognitiver Weg sekundäre kognitive Wege auslösen kann, wie beispielsweise die Farbwahrnehmung oder Mustererkennung.

Kum-Jun's notebookTitel - Digilog601: Harmony thru Design / east & west
Designer - Park Kum-jun
Agentur - 601BISANG
Veröffentlicht - 2012
Klient - 601BISANG

Welche anderen Techniken verwenden Sie für eine emotionale Kommunikation?

Meine Arbeitsweise erfordert Geduld und Ausdauer; von mir, aber auch von meinen Lesern. Papier ist ideal für Arbeiten, in die ein intuitiver Text und ein emotional ansprechendes Erscheinungsbild eingebunden werden; auf subtile Weise sinnliche Formen, wie Illustrationen und Typografie. Ich könnte doppelsinnige visuelle Hinweise verwenden, um eine bestimmte Botschaft zu verstärken, oder vielmehr eine symbolische Sprache verwenden, um unterschiedliche Interpretationen vorzuschlagen. Beispielsweise könnte ein Farbfleck auf der Seite verbleiben, so als würde es sich um einen Fehler handeln, und die Betrachter dazu einladen, auf der Suche nach weiteren Flecken einen genaueren Blick auf das Druckerzeugnis zu werfen. Manchmal störe ich bewusst die Art, in der Menschen ein Buch lesen – auf der Grundlage dessen, was ich als „Ästhetik der Unannehmlichkeiten“ bezeichne, um die Komplexität durch weitere Schichten zu ergänzen. Ich kreiere dann vielleicht seltsame Ausschnitte in einem Plakat oder einem Buch beim Versuch, das Äußere in das Innere einzuladen; dazu integriere ich überraschende Elemente in die Komposition. Sehr häufig sorge ich dafür, dass meine Entwürfe abhängig von der Entfernung oder der Nähe, aus der sie betrachtet werden, unterschiedlich aussehen. Sie können aus der Ferne ein einzelnes Bild erzeugen, jedoch ein Netzwerk sinnlicher Details und zarter Formen offenbaren, wenn sie aus der Nähe betrachtet werden. Viele meiner Werke erscheinen aus der Distanz als Texte – aber werden wieder dreidimensional, sobald man sich ihnen nähert. Ein weiteres Beispiel für meine Art der emotionalen Kommunikation wird durch ein experimentelles Jahrbuch veranschaulicht, das 601 Artbook Project. Mein Ziel war es, beim Leser jedes Mal, wenn er die Seiten umblättert, ein Gefühl des Staunens auszulösen. Ich war darauf bedacht, nicht alle meine Absichten auf einmal zu zeigen. Ich versteckte Symbole und Metaphern auf verschiedenen Ebenen zusammen mit den üblichen visuellen Zeichen. Meine Arbeit auf dem Papier wird nie beim ersten Mal verstanden. Ich schaffe Publikationen und Plakate, die ihr Geheimnis allmählich, Schritt für Schritt, preisgeben; eine Entdeckung nach der anderen.

Können Sie eines Ihrer bevorzugten Projekte beschreiben?

Ich bin zurzeit interessiert an der Neuinterpretation asiatischer Werte: Die Harmonie von Yin und Yang, die natürlichen Elemente wie Wasser, Erde, Luft sowie Sedimentschichten, welche den Lauf der Zeit reflektieren. Deshalb ist wohl eins meiner Lieblingsprojekte Digilog 601: Harmony thru Design, eine Reihe von vier Plakaten, die ich vor kurzem entwarf. Der Begriff „Digilog“ wurde geprägt durch die Kombination digital und analog. Digital und analog scheinen zu kollidieren, aber sie koexistieren komplementär. Soweit es mich betrifft, umfasst das „Digilog“ Design sowohl das rationale Denken des Westens als auch die Spiritualität des Ostens. Meine vier Plakate übersetzen dieses Konzept auf grafische Weise, indem ausgesprochen symbolische und doppeldeutige Bilder verwendet werden, wobei jedoch der Gesamteindruck der eines lebendigen, organischen Systems ist. In der Regel konzentriert sich meine Arbeit auf das Konzept der gegenseitigen Abhängigkeit innerhalb eines größeren Rahmens.