Flavia-Cocchi-400x676.jpg

Flavia Cocchi

Schweiz

„Wenn Papiervertreter hereinkommen, um mir ihre neuesten Entwürfe zu zeigen, bin ich im Himmel.“

Die gebürtige Schweizerin Flavia Cocchi absolvierte eine klassische Ausbildung als Grafikdesignerin in der Tradition von Emil Ruder, Josef Müller-Brokmann und Armin Hoffmann. Ihre praktische Tätigkeit konzentriert sich auf die Typografie mit Akzidenz-Grotesk als einem Schwerpunkt. Druckwerke sind ihre Liebe und Papier ihre Leidenschaft. Bevor sie 1997 ihr eigenes Studio eröffnete, arbeitete sie für Werner Jeker in Lausanne, die Agence Anatome in Paris sowie für Massimo Vignelli in Italien. Heute ist das Atelier Cocchi in Lausanne auf Bücher und Kataloge für Kunden im Kulturbereich spezialisiert. Seit dem Jahr 2000 entwarf Cocchi für das Mudac (Museum für Design und angewandte Kunst) in Lausanne über ein Duzend Bücher wie auch unzählige Plakate, Kataloge, Broschüren und Begleitmaterialien. Seit 2012 ist sie Mitglied von AGI (Alliance Graphique Internationale).

In der Schweiz ist das Atelier Cocchi das Design-Studio der ersten Wahl, wenn man ein Buch, einen Katalog oder eine Broschüre haben möchte, welche die Sinne ansprechen. Für Flavia Cocchi ist Umblättern ein Erlebnis, das die Augen, den Geist, die Ohren und die Fingerspitzen mit einbezieht. Die von ihr entworfenen Publikationen sind das visuelle Äquivalent zu köstlichen Gourmet-Gerichten. Wenn potenzielle Kunden ihr Atelier in Lausanne betreten, achtet sie auf ihre Vorlieben und Abneigungen. „Sobald sie hereinkommen, versuche ich mir vorzustellen, welche Art von Papier für sie richtig wäre“, sagt sie. Sie gibt ihnen kleine Häppchen zum Probieren. „Ich zeige ihnen Beispiele meiner Arbeit – Bücher, Kataloge oder Plakate – und beobachte, wie sie reagieren. Während wir über ihr Projekt sprechen, versuche ich, ein geistiges Bild dessen zu erhalten, was richtig für sie wäre.“ Für ein Architekturbüro könnte sie sich vielleicht ein pralles Aquarellpapier vorstellen. Für ein Museum könnte ihre Intuition ihr Einsätze aus lichtdurchlässigem Pergament vorgeben. Für einen Fotografen könnten sie ein sehr weiches, ungestrichenes cremefarbenes Papier vorschlagen. Wie dem auch sei, es fällt ihr leichter, die Kunden als sich selbst zu erfreuen. Um zufrieden zu sein, fühlt Flavia Cocchi, dass sie jeden Schritt des Druckprozesses kontrollieren muss; von der Papierauswahl bis zum letzten Stich des Einbands. „Und wenn etwas nicht ganz genauso ist, wie ich es mir gedacht habe, ist mir zum Weinen“, sagt sie,  „und manchmal weine ich wirklich, auch wenn Kunden selten so pingelig sind wie ich.“

 

Véronique Vienne

 

Notebook_Cocchi_FR.jpg

Interview

Véronique Vienne:
 Sie beginnen also immer ein Projekt mit der Wahl des Papiers?

Flavia Cocchi:

Ja, das tue ich. Es ist das, was meine Kreativität auslöst. Ich versuche stets, Papiere in meinen Büchern zu mischen. Wenn ich für eine Fotosektion gestrichenes Papier verwende, werde ich für die Texte ungestrichenes Papier wählen, um diesem Teil einen kostbareren, sinnlichen Eindruck zu vermitteln. Oder ich drucke den Text auf ein nahezu transparentes Medium wie Bibelpapier. Eines meiner Lieblingsbücher ist ein Katalog, den ich 2008 für Mudac, das Museum für Design und angewandte Kunst in Lausanne, schuf. Er war für eine Ausstellung mit dekorativen Papierumhüllungen für Mandarinen – jene Art, die zum Umwickeln von hochwertigsten Zitrusfrüchten verwendet wird, wie sie aus Italien oder Spanien importiert werden. Ich verwendete ein ultra-dünnes, fünfzig Gramm schweres und krauses Papier wie das Original. Sie wissen schon, diese Art von Papier, bei dem sie nicht anders können, als es mit der Hand glattzustreichen und zwischen Buchseiten geschützt aufzubewahren.

Sind Ihre Schweizer Kunden so qualitätsbewusst wie Sie?

Das sind sie – und darum ging ich zurück nach Lausanne, nachdem ich für einige Zeit in Frankreich gearbeitet hatte. Die Fertigungsstandards sind so viel höher hier. Man kann einen Qualitätsverlust auf globaler Ebene beobachten, aber es passiert in geringerem Maße in der Schweiz. Wenn Sie aufmerksam genug sind, können Sie hier genau das erhalten, was Sie wollen, während es andernorts nicht mehr möglich ist. Und ich bin anspruchsvoll: Der letzte Schliff bedeutet mir alles. Darum entwerfe ich keine digitale Schnittstellen wie z.B. Webseiten: Es gibt dort keine Materialität, keine taktile Interaktion. Ich weigere mich, mich in einem Projekt zu engagieren, wenn ich nicht alles bis ins letzte Detail verwalten kann.

Diese Liebe zur Präzision ist sehr schweizerisch, nicht wahr?

Ich bin in der Tat sehr schweizerisch: Ich bin genau, aber auch Minimalistin. Ich glaube, dass ein leerer Raum für das Auge attraktiver ist als ein Raum, der mit allerlei Zeug überladen ist. Ein weißer Raum ist nicht leer. Weiß ist für mich eine Farbe, vor allem bei Siebdruck. Ich arbeite häufig mit einem Drucker, der Experimente mit Siebdruck-Techniken liebt und mich ermuntert, es auch zu tun. Ich könnte beispielsweise mit Siebdruck ein weißes Raster auf weißem Papier anbringen oder beide Seiten eines halb lichtdurchlässigen Papiers bedrucken.

Cocchi's notebookTitel - COCCHI - (Personal exhibition “Flavia Cocchi, graphiste”)
Designer - Atelier Cocchi
Veröffentlicht - 2010
Klients - Galerie Anatome, Paris
mudac, Lausanne
Museum fur Gestaltung, Winterthur

Welches ist der erfreulichste Teil des Prozesses für Sie?

Wenn Papiervertreter hereinkommen, um mir ihre neuesten Entwürfe zu zeigen. Dann bin ich im Himmel. All diese Muster regen mich zu neuen Möglichkeiten an. Ich kann kaum die richtige Gelegenheit abwarten, um dieses oder jenes Papier zu verwenden – und wenn sie eintrifft, rufe ich den Vertreter sofort an, bitte um mehr Informationen und bestelle ein Muster, um es dem Kunden zu zeigen.

Sind Drucker ebenso hilfreich wie Vertreter?

Das Gespräch mit Druckern ist genauso wichtig. Sie wissen, wie man die besten Ergebnisse erzielt, aber soweit es mich betrifft, sind sie nicht die wichtigste Instanz, wenn es um Papieranforderungen geht. Einmal schnitt ein Drucker – um Papier und Geld einzusparen – einige Seiten eines meiner Bücher gegen den Strich – gegen die Richtung der Fasern. Ich konnte das Buch nur mit Mühe offenhalten. Es war verzogen: ein sehr bizarrer Anblick. Das Papier konnte nicht in die Richtung rollen, in welche umgeblättert wurde.

Sind alle schönen Bücher notwendigerweise teuer?

Oh nein! Ich berate mich sowohl mit Papiervertretern als auch mit Druckern, um die Kosten für Bücher niedrig zu halten. So komplex Bücher oder Kataloge auch sein mögen, ihre Preise sollten stets maßvoll sein. Sie müssen bezahlbar sein. Ansonsten kauft sie niemand. Und was nützt ein schönes Buch, das im Regal steht?

Woher kommt Ihre Faszination für Papier?

Mein Vater, ein Architekt mit Liebe zum Zeichnen, hatte einen großen Einfluss in meinem Leben. Er zeichnete jeden Abend für mich, bevor er mich ins Bett steckte. Er erzählte mir Geschichten, und während er sprach, zeichnete er Menschen, Monster, Burgen und eine märchenhafte Architektur. Ich habe die Papierbögen mit seinen Skizzen, schnellen Bildern und Bleistiftstrichen aufbewahrt. Im Laufe der Jahre wurden sie gefaltet, zerdrückt, eingerissen und zerknittert, aber dennoch blieben sie wertvoll.

Wie sehen Sie die Zukunft des Papiers im digitalen Zeitalter?

Ich denke, wunderschöne Kunstbücher wird es weiterhin geben, aber ich bin sehr besorgt über die Zukunft der Presse. Was wird aus Tageszeitungen, Broschüren, Boulevardblättern, Fanzinen, preisgünstigen Comicbüchern und Groschenliteratur? Ich liebe gutes Papier, aber ich liebe auch Dinge, die auf Papier gedruckt werden, welches mit der Zeit vergilbt. Wie die zerknitterten Zeichnungen meines Vaters sprechen diese bescheidenen Beispiele für unsere Menschlichkeit.