
© Cat Garcia
Eike König war Artdirector des Plattenlabels Logic, bevor er seine Design-Agentur im Jahr 1994 in Frankfurt, Deutschland, unter dem Namen EIKES GRAFISCHER HORT eröffnete, welche er in erster Linie als einen kreativen Spielplatz betrachtete. HORT wurde bald zu einem Begriff in der Musikindustrie und entwarf Plattencover für verschiedene unabhängige und große Labels. Heute hat das Studio seinen Sitz in Berlin und ist auf die Entwicklung von Bildsprachen für große und kleine Labels spezialisiert. Disney, Nike und Microsoft gehören zu den vielen renommierten Kunden. Hort arbeitet außerdem mit kulturellen Einrichtungen zusammen, u.a. der Bauhaus Dessau Stiftung, für welche die Agentur ein neues Erscheinungsbild gestaltete. Eike leitete zahlreiche lokale und internationale kreative Workshops und unterrichtet Grafikdesign und Illustration zwei Tage pro Woche an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach, Deutschland.
Véronique Vienne

Véronique Vienne:
Ist Papier auch heute noch eine Quelle überraschender Designlösungen?
EK:Während die Arbeit vor Computern die Isolation fördert, lädt die Arbeit mit Papier zum Experimentieren, zur Teilnahme und zur Sozialisierung ein. Schon wenn Sie Ihre Ideen auf einem Blatt Papier skizzieren, oder wenn Sie ein Modell oder einen Prototyp mit Papier oder Pappe herstellen, halten die Menschen stets inne, um zu schauen, was Sie da machen. Sie geben Ihnen Ratschläge, kommentieren, fragen – und noch bevor Sie es bemerken, kommen von rechts und links neue Ideen herein. Arbeiten, bei denen Papier hinzugezogen wird, erfordern zahlreiche Proben, um das gewünschte Resultat zu erzielen – das ist etwas Gutes. Papier ist nicht einfach zu kontrollieren, aber das macht es gerade so aufregend. Missgeschicke können sehr gut aussehen. Sie müssen Sie als Teil des kreativen Prozesses akzeptieren. Derzeit haben wir in meinem Team bei HORT viele Diskussionen dazu, welches Papier wir für ein bestimmtes Projekt verwenden werden. Wir sprechen über die Tatsache, dass eine Entscheidung über das Papier dieselbe Art von Entscheidung ist wie die Wahl einer Schriftart oder einer Farbe. Selbstverständlich haben jüngere Menschen ein anderes Verhältnis zum Papier als ich. Während Papier für mich ein Teil der Tätigkeit ist, ist es für sie Teil einer späteren Entscheidung. In jedem Fall fordere ich jeden in meinem Studio dazu auf, sich die Bedeutung von Papier bewusst zu machen – und wie wir es nicht nur in unseren Designprozess integrieren können, sondern auch in unsere Designlösungen.
Auch wenn an einem bestimmten Punkt des Prozesses die Computer die Führung übernehmen, ist es nicht so?
Computer sind großartige Werkzeuge, aber beim Designen gibt es mehr als sich hinzusetzen, die Kopfhörer einzustellen und eine Mouse hin- und herzuschieben. An einem gewissen Punkt muss man die materielle Welt wieder in den Prozess einbinden. Was mich an Computern stört, ist dass den Nutzungsmöglichkeiten keine Grenzen gesetzt sind. Es gibt auch keinerlei Grenzen für ihre Arbeit. Es fehlt das körperliche „Moment“. Beim Arbeiten auf Papier kann ich aufstehen, darum herumgehen und die gesamte Reichweite erfassen.
Ihre Design-Lösungen haben eine dreidimensionale Beschaffenheit, auch wenn sie einfach gedruckt sind. Ist das beabsichtigt?
Ich komme aus der Collage-Kultur: Es geht darum, verschiedene Texturen zusammenzusetzen, zu verbinden, zu kleben und zu schneiden; die meisten davon werden aus alten Bezugsrahmen in neue importiert. Und während ich das tue, kommen mir viele neue Ideen. Menschen im Büro machen es ebenso: Sie verwenden Collagen, um neue Dinge zu entdecken, entweder durch Zufall oder aufgrund einer gezielten Recherche. Manchmal mache ich digitale Collagen, indem ich gescannte Dateien aus recycelten Bildern bastele.
Titel - A very bad copy of a famous sculpture
Designer - Eike König
Veröffentlicht - 2015
Wie lernten Sie, Papier in Ihre Arbeit zu integrieren?
Das erste, was ich lernen musste, um ein Designer zu werden, war mein Gehirn mit meiner Hand und meine Hand mit dem Papier zu koordinieren. Schon bald konnte ich nur denken und meine Gedanken visualisieren, wenn ich einen Bogen Papier vor mir hatte. Ich war glücklich, in meiner ersten Arbeit war ich Artdirector für ein Musiklabel, für das ich Plattencover entwarf – und Plattencover sind etwas, was Sie in ihrer Hand halten, während Sie Musik hören.
Wow, unter diesem Aspekt hatte ich das noch nie gesehen. Meinen Sie damit, dass der Berührungskontakt mit Papier mit dem Hörvergnügen assoziiert wurde?
Genau. Zu dieser Zeit war ich in der Lage, sowohl das Papier für die Innenhülle als auch für das Außencover zu wählen. Ich konnte Spotlackierungen machen. Ich konnte die Drucktechnik auswählen. Ich konnte Ausschnitte und Prägedruck anwenden. Und die ganze Zeit wusste ich, dass meine Entwürfe in den Händen von jemandem enden würden. Diese spürbare Greifbarkeit war damals sehr wichtig und ist auch heute noch in meiner Arbeit sehr präsent. Aber Papier bedeutet nicht nur Textur. Für mich geht es dabei auch um Temperaturen: Die Kühle des Papiers oder seine Wärme, sowohl für den Tastsinn als auch für das Auge. Auch das Gewicht ist entscheidend. Für das Erscheinungsbild von Jazzanova, das Berliner “nu-jazz” Musikkollektiv, machten wir ein Logo als 3D-Collage, für welches wir ein Spezialpapier verwendeten, das verschiedene Gewichte aufweist. Die Farbpalette von diesem besonderen Papier half uns, die grafische Sprache von Jazzanova zu bestimmen. Wir druckten das gesamte Begleitmaterial auf demselben Papier. Das ist, was mir wirklich gefällt. Papier! Das ist die Welt, in der ich arbeite.
An Ihrer Bürowand bemerkte ich ein Plakat mit der Aufschrift „I LIKE IT. WHAT IS IT?“ (Ich mag es. Was ist das?)* Hat es mit Ihrer Philosophie zu tun?
Ja. Es ist Teil der Spielplatz-Mentalität von HORT. Manchmal mache ich Workshops mit Kindern. Im Gegensatz zu den meisten Designern, die zu viel nachdenken, beginnen Kinder sofort, sobald sie sich hinsetzen. Sie sind viel spontaner und kommen mit unverfälschten Ideen daher. Mit meinem Team reden wir viel darüber. Manchmal wünsche ich mir, wir könnten unsere Erziehung abschütteln. Es würden eine Menge guter Ideen entstehen, wenn wir einen direkten Zugang zur kreativen Quelle in uns haben würden, so wie Kinder. Bei HORT geht es um Arbeit und Spiel, mit dem Schwerpunkt auf Spiel.