Catherine Zask

Catherine Zask

Frankreich

„Das angenehme Gefühl, welches Sie beim Umgang mit Papier erleben, wird mit der dort gedruckten Botschaft verknüpft.“

Grafikerin, Plakatdesignerin, Schriftstellerin – Catherine Zask ist so vielfältig wie die Bausteine ihrer Bildsprache. Nach ihrem Abschluss an der ESAG in Paris 1984 machte sie sich 1985 selbständig. Sie arbeitet sowohl mit Institutionen als auch mit privaten Unternehmen, wobei sie deren visuelles Erscheinungsbild kreiert und diverse Aspekte des Werbematerials entwirft. Hierfür kombiniert sie Schreiben, Typografie, Zeichnen, Video und Fotografie. Zu ihren Kunden zählen L’Hippodrome, das Nationaltheater von Douai; das französische Kulturministerium; die Universität Paris Diderot; der Prix Emile Hermès sowie La Scam, die bürgerliche Gesellschaft von Multimedia-Künstlern. 1993 bis 1994 entwickelte sie während ihres Aufenthalts an der Französischen Akademie in Rom (Villa Medici) Alfabetempo, ein experimentelles Notationssystem, das auf der Zerlegung der Tempi der Buchstabenstriche basiert. Mit dieser Arbeit setzte sie die Forschung fort, welche sie zehn Jahre zuvor zum Thema Buchstaben, Tracing und Zeichen begonnen hatte: Alcibiades, Doodles (Gribouillis), Radiographies de pensées, Sismozask, Cousu-Zask, das Iris Project oder Happy Dots. Sie unterrichtet und hält Vorträge an Kunstschulen in Frankreich und im Ausland. Sie hatte zahlreiche Einzelausstellungen und gewann mehrere Preise, darunter auch den Grand Prix der 20. internationalen Biennale für Grafikdesign in Brno 2002. Im Jahr 2010 erhielt sie eine prestigeträchtige Auszeichnung vom französischen Kulturministerium, die Chevalier de l’Ordre des Arts et Lettres Medaille. Sie ist Mitglied der AGI, des Grafik- und Kommunikationsdesignervereins Alliance Graphique Internationale.

 

Catherine Zask geräumiges Pariser Studio sieht eher wie eine Galerie als ein Arbeitsbereich aus. Das erste, was man beim Eintreten wahrnimmt, sind ihre grafischen Werke in schwarzweiß, abgebildet auf weißen Wänden. Ein paar Schritte weiter vorn ist eine nähere Betrachtung möglich; dabei trifft man auf lange Tische mit Artefakten, die in ordentlichen Reihen angeordnet sind: zahlreiche weiße Karten, bedruckt mit Iterationen desselben, spitz zulaufenden Motivs, Teile von geschliffenen und polierten Rinden, oder Kugelschreiber und Bleistifte, aufgereiht wie Pinselstriche. An einer Schiene in einer Ecke des Studios hängen ihre berühmtesten Plakate. Aus dem Augenwinkel ist ihr Macbeth zu erkennen, ein monumentales Meisterwerk in Schwarz und Gold für das Douai-Theater - und direkt dahinter die markante, gelbe Präsenz eines ihrer Scam-„Manifeste“. Catherine Zasks persönliche und berufliche Arbeit gehen nahtlos ineinander über. Andere Designer ziehen eine Trennlinie, um ihre künstlerischen von den kommerziellen Arbeiten abzugrenzen und auf diese Weise zu betonen, dass sie in erster Linie kompetente Problemlöser sind. Doch Zask ist nicht so. Nur wenige Menschen sind so informiert wie sie, wenn es um Typografie, Design und Druckproduktion geht, doch niemals stellt sie ihre Kompetenz und ihr Wissen zur Schau. Kunden kommen zu ihr aufgrund ihres unverwechselbaren typografischen Ansatzes, der sich durch eine Ökonomie der Mittel, strenge Kompositionen sowie ansprechende Buchstabenformen auszeichnet, welche mit vollendeter Eleganz aufeinander abgestimmt werden. Sie sammelt leidenschaftlich alles, was aus Zellulosefaser hergestellt wurde, und behandelt jeden Fetzen Papier, den sie findet, als sei er etwas Besonderes. Außerdem schreibt sie über ihre liebevolle Beziehung zu Zellstoff. In einer aktuellen Sammlung ihrer Bemerkungen zum Thema, die unter dem Titel Casual Drawings veröffentlicht wurde, bemerkt sie, dass zu ihrem kreativen Prozess das Manipulieren und Auswerten von Papierbögen gehört, bis einer davon ihr zuflüstert: „Nimm mich!“. Erst dann kann sie mit dem Zeichnen beginnen und die Konturen ihres konzeptionellen Denkens erkunden.

 

Véronique Vienne

 

Zask_Notebook_FR.jpg

Interview

Véronique Vienne:
Warum ist die Textur von Papier bei Ihrer Arbeit so wichtig?

Catherine Zask :

Meine Arbeit ist es, Dokumente zu kreieren, welche die Menschen nicht nur lesen, sondern auch aufbewahren möchten. Hierzu versuche ich, Augen und Tastsinn zu verbinden. Beide Sinne sind meiner Meinung nach notwendig. Stellen Sie sich z.B. eine Einladung vor, die auf Papier gedruckt wurde, welches auf einer Seite gestrichen und auf der anderen ungestrichen ist. Auf der gestrichenen Seite sind die Farben frisch und lebendig, während sie auf der ungestrichenen Seite matt und samtig sind. Ihre Finger können sagen, dass die beiden Seiten nicht gleich sind. Es gibt einen Unterschied zwischen Vorder- und Rückseite. Es gibt ein Vorn und ein Hinten. Es ist spürbar. Hände haben eine eigene Intelligenz. Ich versuche, das Beste aus ihren Fähigkeiten machen. Zugegeben, es ist ein kleiner Unterschied. Aber das subtil angenehme Gefühl, welches Sie beim Umgang mit zweiseitigem Papier erleben, wird mit der dort gedruckten Botschaft verknüpft. Das leichte Kribbeln in ihren Fingerspitzen wirkt beruhigend und hebt Ihre Stimmung. Wenn Sie im Gegensatz dazu eine Einladung erhalten, die auf normalem Papier gedruckt ist, das auf beiden Seiten mit demselben langweiligen Acryllack überzogen ist, ist es wahrscheinlicher, dass sie nur einen Blick darauf werfen, bevor sie in den Papierkorb gelangt.

 

Wie lernten Sie, Papier zu bewerten?

Ich sammle alle Arten von Papieren. Man könnte sagen, dass ich im Grunde meines Herzens eine Lumpensammlerin bin. Ich rette und recycle stets alte Umschläge, Packpapier, Schnipsel von weggeworfenen Notizblöcken, Löschblätter, industrielles Papier, Zigarettenpapier, Kartonstücke, was auch immer. Außerdem bekomme ich Papierproben von Fachleuten der Verpackungs- und Umzugsbranche, von Buchbindern, von Elektrikern, von Bauunternehmern oder von Leuten in der Bekleidungsindustrie: Ich finde stoffähnliches Papier, das für Plisseefalten in Geweben verwendet wird, oder Pappe zum Isolieren von Leitungen. Ich experimentiere, indem ich auf diesen gefundenen Schätzen drucke und zeichne. Ich teste diverse Drucktechniken auf verschiedenen skurrilen Flächen. Soweit dies möglich ist, hänge ich mich, wenn ich an einem bestimmten Projekt arbeite, ans Telefon und hole mir Anregungen von Druckern, Papiervertretern sowie Händlern für Spezialpapiere.

An welchem Punkt des kreativen Prozesses wählen Sie das Papier?

Zu Beginn des Prozesses lasse ich meine Gedanken schweifen. Ich notiere Ideen. Ich experimentiere vor Ort mit verschiedenen Papieren. Erst später rufe ich die Papiervertreter an, mit denen ich in Verbindung stehe, und beschreibe ihnen, was ich im Sinn habe. Vielleicht suche ich ein sehr dünnes Papier, glänzend auf der einen und matt auf der anderen Seite?  Wir reden darüber. Sie machen einige Vorschläge. Sie helfen mir, es zu durchdenken.

ZaskTitel - Languazask
Designer - Catherine Zask
Veröffentlicht - 2012

Können Sie mir einige Ihrer Lieblingspapiere nennen?

Ich habe kein Lieblingspapier – die ultimative Wahl hängt vom Entwurf, der Persönlichkeit des Auftraggebers wie auch von der Botschaft ab. Allerdings weiß ich, was ich nicht mag. Es bricht mir beispielsweise das Herz, wenn ich ein wunderschönes Offsetpapier sehe, dessen Vorder- und Rückseite durch Acryllack verunstaltet wurde.

Warum sollte jemand Acryl auf ungestrichenes Papier auftragen?

Acryllacke, egal ob matt oder glänzend, schützen die bedruckte Oberfläche vor Schlieren, Flecken oder Staub. Durch das Auftragen wird das Endergebnis vor Verschmutzungen bewahrt. Es ist für die Produktion wirtschaftlicher, weil die Arbeit immer makellos aussieht – auch wenn der spezifische Lack die fühlbare Dimension des Papiers zunichtemacht. Das Endprodukt sieht nicht einmal mehr wie Papier aus!

Wie bewahren und verbessern Sie also die fühlbare Qualität des Papiers?
 

Meine Arbeitsweise ist, ein bestimmtes Papier mit einer charakteristischen Drucktechnik zu vereinen. Einmal habe ich Heißfoliendruck auf Löschpapier ausprobiert. Ein anderes Mal möchte ich vielleicht mit mattem Druck auf beflocktem Papier experimentieren. Ein Stil, den ich besonders mag, ist eine üppige Volltonfarbe, gedruckt auf ungestrichenes Papier. Aber technisch gesehen ist das eine Meisterleistung. Um das beste Ergebnis zu erhalten, muss ein Drucker manchmal nach allen Regeln der Kunst vorgehen, einschließlich dem Bestreichen seiner Walzen mit dicken Farbschichten. Es ist besonders schwierig bei schwarzer Farbe. Schwarze Flächen sind bekannt dafür, dass sie verschmieren. Ich kenne heutzutage nicht viele Drucker, die das hinbekommen.

Ich hatte angenommen, dass die Fortschritte bei den Drucktechnologien den Designern mehr kreative Möglichkeiten lassen würden.

Theoretisch ja. Aber Druckpressen sind mittlerweile so ausgereift – und so teuer –, dass sie sich nicht rentieren, wenn sie nicht bei hoher Geschwindigkeit und im Vierfarbenverfahren arbeiten. Aus diesem Grund sind Drucker heutzutage überdrüssig, alles auszuprobieren, was ihren Rhythmus drosseln könnte, z.B. Sonderanfragen für eine kundenspezifische Farbmischung. Bedauerlicherweise hat die Technologie die Risikobereitschaft eliminiert. Weil nun alle Schritte des Druckprozesses miteinander verbunden sind, muss alles reibungslos ablaufen. Von den sorgfältig formulierten Vorgaben des Kunden bis zu den straff geplanten Lieferdaten gibt es eine lange Kette präziser Vorgänge, die ineinandergreifen. Wenn eine Sache schiefgeht, gerät das gesamte Projekt ins Wanken. Ungenauigkeiten müssen beseitigt werden.

Wie bleiben Sie also kreativ?

Manchmal fühlt sich Kreativ-Sein so an, als würde man versuchen, Blumen auf Kies zu pflanzen. Aber ich gebe nicht auf. Dank meiner persönlichen Arbeit erhalte ich meine Beziehung zum Papier immer lebendig. Ich fülle Notizblöcke mit Zeichnungen, Skizzen, Kritzeleien, Scribbles und Farbflecken. Gleichzeitig finde ich die Beachtung von Auftraggebern, die wissen, dass ich ungewöhnliche Entwurfslösungen vorschlagen kann. Ich habe den Ruf, experimentierfreudig zu sein, und für einige Projekte ist diese Herangehensweise ausgesprochen sinnvoll.

Wo befindet sich unter diesem Aspekt der Raum für digitale Technologie in ihrer Arbeit?

Ich liebe Papier, aber ich liebe Computer ebenso. Sie befreiten uns von den mühsamen Pflichten der, wie wir es nannten, „mechanischen Arbeiten“ oder von den „Paste-Ups“ – den komplexen, reprofähigen Layouts, welche von Hand mit Wachs oder Leim zusammengefügt werden. Heute kann ich meine kreativen Recherchen auf Papier beginnen, aber ich kann ebenso vor meinem Computer sitzen und genau dort mit dem Erkunden von Formen anfangen, direkt am Bildschirm. Ich optimiere meine digitalen Tools ständig – Hardware, Software, Anwendungen oder alles, mit dem ich Bilder machen, Animationen kreieren oder Klänge zu Bildern hinzufügen kann. Papier so zu lieben, wie ich es tue, ist kein Hindernis, um die Vorteile und Annehmlichkeiten einer elektronischen Vernetzung zu genießen.