
© Nino Andrès
Elaine Ramos, die in Brasilien, jedoch auch in der internationalen Designszene für ihre lupenreinen grafischen Werke bekannt ist, machte ihren Abschluss an der Fakultät für Architektur und Städtebau der Universität von Sao Paulo 1999. Darüber hinaus wurde sie als Grafikdesignerin 2004 zum Artdirector bei Cosac Naify, dem bedeutendsten Verlagshaus Brasiliens für bildende Künste. Dort ist sie nicht nur für das Design von über einhundert Büchern verantwortlich, sie koordiniert zudem alle Veröffentlichungen zum Thema Design. Häufig handelt es sich dabei um Übersetzungen klassischer Texte in die portugiesische Sprache, wie beispielsweise
A History of Graphic Design von Philipp Meggs. Gleichzeitig entwickelt sie Buchvorlagen, zu denen eine umfassende Geschichte des brasilianischen Grafikdesigns zählt, Linha do tempo do design gráfico no Brasil. Hierzu stellte sie mehr als 1600 Bilder zusammen, die von zwei Jahrhunderten brasilianischer Kreativität zeugen. Seit 2012 ist sie Mitglied von AGI (Alliance Graphique Internationale).
In Bücherläden von Rio, Salvador, Brasilia oder Sao Paulo stechen die Bücher hervor, welche von Elaine Ramos und ihrem Team gezeichnet wurden. Etwas daran spricht nicht nur das Auge, sondern auch die Hände an. Es ist nicht nur deren farbenfrohe, drucktechnische Vortrefflichkeit – dies ist in Brasilien gar nicht so unüblich, wo Grafikdesign von hochtalentierten Fachleuten praktiziert wird –, es handelt sich um eine andere Qualität, die viel schwieriger zu identifizieren ist. „Ich habe stets eine strukturelle Herangehensweise“, sagt Ramos. Als etablierte Architektin zeichnet sie von Innen nach Außen statt von Außen nach Innen. Mit anderen Worten, sie beginnt mit dem Inhalt. Mit dem Fühlen des Buches, sobald es geöffnet wird. Mit der Leseerfahrung, wenn die Seiten umgeblättert werden. Und mit dem Papier, auf welches Text und Bilder gedruckt werden. Im Herzen eine Modernistin, ist Ramos doch auch Erbin einer portugiesischen Tradition, die Jahrhunderte zurückreicht. In der Vergangenheit wurden in Portugal, aber auch in Brasilien preiswert gedruckte Bücher an Verkaufsständen „an einer Schnur“ angeboten, wo sie wie Wäsche auf einer Wäscheleine hingen. Als Äquivalent zur „Groschenliteratur“ gehörten diese bescheidenen Publikationen zu einer literarischen Gattung, die für jeden erschwinglich war und als Literatura del Cordel bekannt wurde. Mit schönen Holzschnitten illustriert, wurden die beliebten Broschüren oft von lokalen Dichtern geschrieben, die ihre Produktion durch Gesang oder Vortrag in großen Menschenmengen auf Märkten unter freiem Himmel bewarben. Ramos hält, vielleicht ohne sich dessen bewusst zu sein, dieses lebendige Erbe mit erschwinglichen Büchern am Leben, was auch eine poetische Dimension beinhaltet. Oft haben ihre Kreationen verspielte Klappen, unerwartete Falze, elegante Einsätze und verwenden Kreativpapiervariationen. Design para um mundo complexo (Design für eine komplexe Welt) von Rafael Cardoso ist ein Beispiel dafür, wie sie Papier eine interaktive Funktion verleiht. Das Buch ist eingehüllt in einen dickes, gefaltetes Plakat, welches als eine externe Jacke dient. Beim Öffnen gibt es den Blick auf einen hellblauen, glänzenden und weichen Umschlag frei. Ebenfalls verspielt zeigt sich Zazie No Metrô (Zazie in der Metro) von Raymond Queneau. Es wurde auf transparentem Bibelpapier gedruckt und wirkt auf den ersten Blick wie ein Stapel gebündelter Blätter. Es ist illustriert mit zeitgenössischen französischen Plakaten, die auf den Rückseiten dargestellt sind; gespenstische Bilder, welche eine geheimnisvolle visuelle Begeisterung auslösen. Ein weiteres, sehr ansprechend gestaltetes Exemplar ist Conversas com Paul Rand (Gespräch mit Paul Rand) von Michael Kröger, dessen Umschlag eine typografische Komposition aus markantem Grün und Violett ist. Darin befinden sich dicke bunte Seiten, die sich wie die Stacheln eines Stachelschweins aufstellen. Die von Elaine Ramos entworfenen Bücher sind niemals prahlerisch; die Kosten sind minimal, die Zeichnungen jedoch kunstvolle Sammlerstücke, alltäglich und dabei wertvoll. Brasilianische Leser sind in der Tat glückliche Menschen.
Véronique Vienne

Véronique Vienne:
Würden Sie sagen, dass sie eine wahre Modernistin sind – nicht nur jemand, der in diesem „Stil“ tätig ist?
Elaine Ramos:
Die Tatsache, dass ich Architektin bin, steht sicherlich in enger Verbindung zu der Art und Weise, in der ich designe. Einen „Stil“ zu haben, hat für mich keine Bedeutung. Ich versuche, jedes neue Projekt als neue Herausforderung anzugehen – mein Ziel ist es immer, einen spezifischen Inhalt in ein dreidimensionales Objekt zu übersetzen, welches mit seinem Publikum kommuniziert.
Ihre Designs haben keinen „Stil“, aber sie haben sehr viel Personalität!
Kein „Stil“ bedeutet nicht, dass meine Entwürfe keine Seele haben, oder dass sie neutral sind. Ich versuche, meine Arbeit ausreichend diskret auszuführen, damit sie den Inhalt nicht in den Hintergrund stellt, aber dabei interessant genug ist, um etwas zu bewegen. Jedes meiner Bücher gehört zu einer spezifischen Edition mit einer spezifischen Personalität und muss sich als solches abheben. Die Balance zu finden ist nicht einfach. Einerseits bin ich durch modernistische Werte beeinflusst, andererseits glaube ich nicht an Neutralität.
Verwenden Sie Computer, um die Darstellungen in ihren Büchern zu schaffen?
Ich mache meine gesamte Arbeit am Computer. Ich denke über meinen Computer; er ist das Werkzeug, mit dem ich am besten vertraut bin. Meine manuellen Fertigkeiten sind gering, meine Herangehensweise ist zu konzeptionell. Eine wichtige Inspiration für meine Entwürfe ist die Diskussion mit dem Designteam, den Herausgebern und den Autoren. Mir kommen im Gespräch bessere Ideen als beim Zeichnen!
Obwohl Sie am Bildschirm zeichnen, wirkt die Typografie Ihrer Bücher nicht computergeneriert. Können Sie erklären, warum? Vielleicht
Vielleicht weil Typografie für mich nie ein Selbstzweck ist. Meine Wahl einer Schriftart und was ich damit tun werde, ist immer ein Kommunikationsmittel für eine Idee oder einen Inhalt. Dies gilt auch für Papier. Für mich ist die Textur des Papiers ein wesentlicher Bestandteil der Information, um die Botschaft, eine Idee, ein Konzept oder einen Eindruck mit den Lesern zu teilen. Druckerzeugnisse sind im Allgemeinen abhängig vom Papier, auf welchem sie gedruckt werden. Wenn es um Bücher geht, ist diese Wahl noch komplizierter und von grundlegender Bedeutung. Neben der fühlbaren Qualität jeder Seite ist die Papierwahl streng mit dem Gewicht, dem Umfang und in besonderem Maße der Flexibilität eines Buches verbunden.
Titel - Detail from the cover of Linha do tempo do design gráfico no Brasil
Designer - Elaine Ramos
Veröffentlicht - 2012
Klient - COSAC NAIFY
Die Flexibilität?
Die Biegsamkeit von Papier ist sehr wichtig. Aber sie ist niemals ein isolierter Faktor. Wenn wir von Büchern sprechen, müssen zahlreiche Elemente genau aufeinander abgestimmt werden. Die Flexibilität hängt ebenso vom Format, dem Einband, der Seitenzahl usw. ab. Flexibilität ist verbunden mit dem Gewicht des Papiers, und das Gewicht des Papiers ist verbunden mit seiner Transparenz. Ihrerseits ist die Transparenz verbunden mit dem Layout sowie mit dem Inhalt des Buches. Zazie no metrô wurde beispielsweise auf Bibelpapier gedruckt – selbst der Umschlag. Es ist Teil des Grundkonzepts, das Design profitiert von der Flexibilität wie auch von der Transparenz des Papiers. Ich wollte, dass das Buch schwer fassbar ist, um die traumähnliche Qualität der Erzählung heraufzubeschwören. Der Umschlag ist so zart wie das Buch selbst.
An welchem Punkt entwerfen sie den Umschlag eines Buches?
Normalerweise ist der Umschlag das letzte Element, das ich bei einem Buch entwerfe. Ich arbeite von Innen nach Außen. Der ideale Umschlag ist eine Synthese von allem, was sich darin befindet, was man nicht sehen kann. Er bildet die logische Fortsetzung des internen Designs, und gleichzeitig sollte er die Aufmerksamkeit der Menschen anziehen, welche im reizüberflutenden Kontext eines Buchladens in Büchern blättern. Ein guter Umschlag fängt die Essenz eines Buches ein. Er ist einfach da, ruhig, geduldig – aber seine optische Wirkung ist das Ergebnis einer Reihe sehr sorgfältig und bewusst getroffener Designentscheidungen.
In seiner Einführung zu Ihrem Buch schreibt Steve Heller: „Ich hatte keine Ahnung, dass Brasilien ein so langes Design-Vermächtnis hat bzw. einen derartigen stilistischen Reichtum und konzeptionellen Scharfsinn aufweist.“ Was ist Ihrer Meinung nach die besondere Eigenschaft des brasilianischen Grafikdesigns?
Es ist immer so schwer, auf diese Frage zu antworten. Sicher, die europäischen und nordamerikanischen Einflüsse sind auf den ersten Blick sichtbar, aber es ist viel komplizierter. Brasilianisches Design hat eine eigene Identität, und Alexander Wollner ist deren renommiertester Pionier. In den 50er Jahren studierte er an der Hochschule für Gestaltung in Ulm, bevor er nach Brasilien zurückkehrte. Dort trieb er die Nüchternheit und Einfachheit der Linien der von Max Bill begründeten Konkreten Kunst voran. Später, in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts, entstand eine Koexistenz der auf der Bauhaus-Philosophie basierenden modernen, geometrischen, minimalistischen und funktionalen Achse mit der volkstümlichen Kunst und den Pop-Einflüssen der „Tropicália“-Bewegung, wie sie durch den großen brasilianischen Künstler Rogerio Duarte verkörpert wurde.