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© MB

Michal Batory

Polen

„Wenn Sie das falsche Papier wählen, entsteht keine Magie.“

Michal Batory wurde in Polen geboren und studierte Grafikdesign an der nationalen Kunstschule von Lodz, die sich damals unter dem kommunistischen Regime befand. Einen noch größeren Einfluss auf seine Sensibilität hatte jedoch die Straße, wo intelligente, farbenfrohe Plakate ein Bildnis der trostlosen Routine des Alltagslebens boten. 1987 erhielt Batory ein renommiertes Stipendium des polnischen Kultusministeriums, das ihm erlaubte, seine Plakate mithilfe der Siebdrucktechnik zu drucken. Ein Jahr später zog er auf der Suche nach Arbeitsmöglichkeiten nach Paris. Er kehrte niemals nach Polen zurück, sondern ließ sich in der französischen Hauptstadt nieder, in der er sich einen Namen unter den lokalen Grafikdesignern schuf. Von 2001 bis 2008 war er verantwortlich für die Kommunikation für das Théâtre National de Chaillot, für welches er eine Reihe von legendären Plakaten entwarf. Die gesamte Zeit arbeitete er, obwohl er in Frankreich lebte, für Verlage und Kultureinrichtungen in Polen, und seine Arbeit wurde in weltweiten Plakatausstellungen gezeigt.

 

Michal Batory ist ein polnischer Künstler, der ungewöhnliche Talismane fertigt: ein wie eine neolithische Pfeilspitze geformtes Smartphone, einen gelben Ballon mit einer Fliegerkappe, eine geladene Waffe aus gerollten Filmstreifen. Seine gewagten Metaphern umfassen Kronen, Flügel, Schädel, Lippen, Blumen, Fußabdrücke, Korsetts sowie blutige Finger. Vor knallbunten Hintergründen fotografiert und auf Plakate gedruckt, werden sie zu einem atemberaubenden visuellen Konzept – gigantische, surreale Artefakte; wirklicher als die Wirklichkeit. So etwas ist nicht anders, als ein Kaninchen aus dem Hut zu zaubern. In diesem Fall ist der Trick die Wahl des Papiers, auf dem das Plakat gedruckt werden wird. „Wenn Sie das falsche Papier nehmen, werden Sie niemals die Farben erhalten, die sie wollten“, so Batory. „Niemals. So sehr sie es auch versuchen, Ihr Orange wird bräunlich, und Ihr Grün wird in ein schmutziges Khaki verwandelt. Es wird keine Magie geben. Keine Überraschung. Nichts.“ Batorys Heim in einem Pariser Hinterhof ist zum Teil Werkstatt, zum Teil Fotostudio, zum Teil Designagentur, zum Teil Garage, zum Teil Atelier und zum Teil Gewächshaus. Große, heitere Plakate kontrastieren mit diesem gedämpften  „La Bohème“-Dekor. Die Intensität des Kadmiumgelb, des Purpurrot oder Pfauenblau erinnert an die polnischen Plakate von Künstlern wie Jan Lenica oder Roman Cieslewicz. In diesem ruhigen Winkel im Nordosten von Paris könnte man auch in Warschau sein, im Loft eines Künstlers direkt im pulsierenden Praga-Bezirk. In diesen Tagen gehen die meisten der Aufträge von Batory von polnischen Kunden ein. In Frankreich berühmt für seine Kampagne für das Chaillot-Theater sowie für eine Reihe von renommierten Festivals, ist Batory auch eine wichtige Figur in der polnischen Grafikdesignszene.

Véronique Vienne

 

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Interview

Véronique Vienne:
Polen ist bekannt für seine konzeptionellen Plakate. Können Sie erklären, warum?

Michal Batory:

Das moderne Plakat wurde in Polen unter dem kommunistischen Regime in den 50er Jahren als eine Reaktion  auf die Zensur erfunden. Die Menschen lachten über die Dummheit der Zensoren, welche die Ironie bzw. die politische Botschaft gar nicht verstanden, die sich in diesen Bildern versteckte. Sich über die Zensoren lustig zu machen, wurde fast zu einem Nationalsport.  Aus diesem Grund sind meine polnischen Plakate provokativer als jene, die ich für ein weniger politisiertes französisches Publikum entworfen habe. In Polen ist die Öffentlichkeit an schockierende Bilder mit Knochen, Eingeweiden, Blut, Nacktheit und abgetrennten Körperteilen gewohnt!

Manchmal verwenden Sie Photoshop, aber die 3D-Collagen wirken niemals computergeneriert. Was ist Ihr Geheimnis?

Ich kreierte surreale Objekte, für die ich gewöhnliche, alltägliche Dinge benutze. Um mir über das Konzept klarzuwerden, beginne ich mit Skizzen auf Papier. Erst dann fange ich an zu schneiden, zu gestalten und die Mischformen zusammenzusetzen, die ich im Sinn habe. Manchmal muss sich die Bilder nicht einmal nachbessern.  Meine Plakate sind überzeugend, weil ich die Objekte im richtigen Maßstab bilde, damit die Perspektive, die Beleuchtung und die Texturen völlig naturalistisch sind. Daraus ergibt sich die Qualität. Und daraus, wie die Farben aussehen, nachdem sie auf das von mir ausgewählte Papier gedruckt werden.
Michal

Können Sie erklären, warum das Papier so einen Unterschied macht?

Ungestrichenes Papier absorbiert die Tinte, verteilt sie, tamponiert sie – und die Farbauflösung kann weniger kräftig sein. Theoretisch ist also gestrichenes Papier besser, um Fotos zu reproduzieren. Aber Sie müssen die richtige Art der Beschichtung wählen. Wie dick? Wie wasserfest? Wie sieht das beste Finish aus: matt, mattglänzend oder hochglänzend? Das Endergebnis ist oft eine Frage des Urteils: Welchem Teil des Bildes soll der Vorzug gegeben werden, den Licht- oder den Schattenbereichen? Wie subtil sollte die Grauskala sein? Wie schwarz möchten Sie das Schwarz? Schauen Sie sich den Unterschied zwischen diesen zwei Reproduktionen von demselben Plakat in zwei verschiedenen Büchern an. In einem Buch mit gestrichenem Druckpapier ist das Bild hell, fröhlich – aber ein bisschen flach.  In dem anderen Buch, das auf einem dickeren Papier von höherer Qualität gedruckt wurde – einem wunderschönen ungestrichenen Offsetpapier –, ist das Bild reicher, voller, mit mehr Details. Seine Wirkung ist weitaus stärker.

BatoryTitel - Berenice
Designer - Michal Batory
Veröffentlicht - 2001
Klient - Théâtre National de Chaillot, Paris

Sie entwerfen Plakate, aber auch Buchcover. Gibt es da andere Regeln?

Ja, die gibt es. Die Regeln in Bezug auf gestrichenes und ungestrichenes Papier sind nicht immer korrekt, wenn es sich um Bücher handelt. Gestrichenes Papier ist üblicherweise weißer, ist es deshalb auch besser? Ja und Nein. Manchmal bevorzuge ich für Bücher ein gelblicheres Papier – was ich in der Phase der Farbseparation ausgleiche. Sie müssen bereit sein, die gängige Meinung in Frage zu stellen, damit Sie Ihr Ziel erreichen. Ebenso muss das Papier je nach Betrachtungssituation der Bilder ausgewählt werden; ob es innen oder im Freien geschieht, auf einem Buchumschlag, einer Postkarte oder in einem Katalog. Meine Plakate wurden unter so vielen verschiedenen Bedingungen reproduziert; ich bin mir bewusst, wie unterschiedlich die Ergebnisse sein können.  Es hängt von der Beschaffenheit der Oberfläche ab, auf der sie gedruckt werden.

Wie lernten Sie, das richtige Papier auszuwählen?

Die Papierauswahl erfordert ein gewisses Savoir-faire und Erfahrung, die heute nur wenige Designer haben. Die meisten Artdirectors nehmen sich nicht die Zeit, um mit den Druckern oder Papiervertretern zu sprechen, deren Anregungen aufzunehmen oder sie um Rat zu fragen. Und vielleicht verstehen sie nie, warum ein Ergebnis enttäuschend ist. Sie werden denken, es ist der Fehler des Fotografen oder des Druckers, oder vielleicht sind sie sich nicht einmal bewusst, dass es ein Problem gibt.

Heutzutage starren wir nur noch Bilder auf einem Bildschirm an – wir wissen nicht mehr, wie man Bilder auf Papier betrachtet. Würden Sie damit übereinstimmen, dass wir gedruckte Bilder mehr genießen, weil wir weniger in Eile sind, wenn wir sie betrachten?

Wir sind in Eile! Das Problem bei Straßenplakaten ist, dass immer mehr davon rotieren. Sie bleiben nur für fünf Sekunden stehen. Es handelt sich wirklich um etwas für Menschen in Bewegung, für die Menschen in Autos - eher für Fahrer als für Fußgänger. Die meisten können, egal ob im Fahrzeug oder zu Fuß, in einer solch kurzen Zeit nicht mehr als 50 oder 30 Zeichen dechiffrieren. Die Formen, die ich kreiere, müssen zuerst und in erster Linie auf der Straße und in Eile verständlich sein. Meine Bilder können von normalen Menschen „entschlüsselt“ werden. Für mich ist das wichtigste die Botschaft.  Ich bin ein „Plakatmaler“, was bedeutet, dass mich das Konzept mehr als die Form interessiert. Eventuell werden meine Plakate online oder in Büchern reproduziert. Erst dann kann man beginnen, die Arbeit  zu schätzen, die ich dort hineinstecke. Auch wenn sie schön sind – ihre leuchtenden Farben sind Teil ihrer Anziehungskraft –, Schönheit ist nicht ihre primäre Funktion.