Kati Korpijaakko

Kati Korpijaakko

Finnland

„Besseres, schwereres und glänzenderes Papier war die ultimative Belohnung.“

Die finnische Editorial-Designerin Kati Korpijaakko wird von Artdirectors für Zeitschriften weltweit für ihre starke Designsensibilität, ganz in der Tradition der skandinavischen Moderne, überaus geschätzt. In Finnland arbeitete sie für das Magazin VIKKO, bevor sie in den frühen 70er Jahren in die Vereinigten Staaten ging. Nach einem Jahrzehnt als Artdirector für kleinere Zeitschriften wie Art News und New Jersey Monthly bekam sie Arbeit bei der berühmten feministischen Monatszeitschrift Ms. Magazine, wo sie ihr typografisches Gespür zeigte und die Aufmerksamkeit von Talentsuchern bei Condé Nast Publications erregte. Von 1983 bis 1988 war sie bei Mademoiselle; von 1988 bis 1998 bei Glamour sowie von 1998 bis 2004 bei Self – drei Mode- und Lifestyle-Magazine mit einer Auflage von über einer Million. Nun spielt sich ihr Leben zwischen Finnland und den USA ab; dabei baut sie ihre Karriere als zeitgenössische Künstlerin weiter aus und arbeitet mit einer Mischung verschiedener Materialien, zu denen Fasern, Papierzellstoff, Wachs und Keramik gehören.

Kati Korpijaakko erinnert sich an die Zeit, als die Arbeit eines Artdirectors für eine Zeitschrift bedeutete, den ganzen Tag mit Papier zu tun zu haben. Damals benutzten Editorial-Designer ihren Tastsinn bei jedem Schritt: Zur Beurteilung der Qualität eines Fotodrucks, beim Handhaben sperriger Satzfahnen, bei schnellen Skizzen, dem Zeichnen von Seitenlayouts, dem Zuschnitt von Bildern, dem Einfügen von Schlagzeilen und Texten oder beim Prüfen der Druckvorlagen. „Unsere Hände standen niemals still“, erinnert sie sich. „Und überall war Papier, auf jeder Fläche,  auf jedem Schreibtisch und in jeder Schublade.“ Sie wurde in Finnland – einem der größten Papiererzeuger Europas – geboren und wuchs zwischen Sägewerken auf. Dort, wo sie herkommt, sind die Menschen mit allen Nebenprodukten der Holz- und Zellstoffindustrie vertraut.  Dort kennt man Papier wie die Franzosen Weine. Korpijaakko bildet da keine Ausnahme. Als sie bei Mademoiselle und Glamour in New York für das Design verantwortlich war, bat sie die Produktionsabteilung ständig, besseres Papier aus Finnland zu kaufen. „Das Prestige eines Modemagazins ist eng verbunden mit dem Glanz des Papiers, auf welchem es gedruckt wird“, bemerkt sie. „Je glänzender, desto besser.“ Mit der Steigerung der Verkäufe stieg auch die Qualität des Papiers. Für Korpijaakko war besseres, schwereres und glänzenderes Papier die ultimative Belohnung für den Erfolg ihrer Magazine am Zeitungsstand. Zurück in Finnland, wo sie ihre Sommermonate fernab von der glitzernden New Yorker Zeitschriftenszene verbringt, ist sie als Künstlerin tätig; dabei ist Papier weiterhin ihr Lieblingsmedium – aber nun mit der Natur als ihrer primären Inspirationsquelle. Dort, in ihrem ruhigen Atelier auf einem Hügel in einem abgelegenen Teil des Landes, nahe der russischen Grenze, entwirft sie dreidimensionale Collagen, für welche sie Texturen und Techniken vermischt. Sie gestaltet Beleuchtungskörper, Vasen und Skulpturen aus Papierzellstoff. „Was ich heute tue, ist persönlicher als das,  was ich als Artdirector tat. Obwohl, wenn ich es recht überlege, so waren auch die Layouts, welche ich vorher machte, sehr persönlich.“

 

Véronique Vienne

 

Korpijaakko's notebook

Interview

Véronique Vienne:
Sie waren sowohl „vor“ als auch „nach“ Computern als Artdirector für Zeitschriften tätig.  Wie bewältigten Sie den Übergang in das digitale Zeitalter?

Kati Korpijaakko:

Im Wesentlichen machten wir „vorher“ Papiercollagen. Wir wurden in dieser Technik von dem legendären Chefredakteur Alexander Liberman bestärkt, einem russischen Maler und Bildhauer, welcher das Design aller Zeitschriften für Condé Nast Publications betreute. Einige Artdirectors mochten keine Collagen, aber ich schon. Ich nahm mir die Zeit, um das Handwerk zu erlernen, und vermutlich wurde ich gut darin. Ich erinnere mich, wie ich Stücke von farbigem Papier zerriss, zerschnitt, schichtete und zusammenfügte, um visuelle Patchworks zu schaffen. Das Ergebnis war markant, ein einzigartiger Look für Condé Nast; anders als jener aller amerikanischen Zeitschriften zu der Zeit, auch wenn sie kommerziell erfolgreich waren. Von 1988 bis 1998, als ich Artdirector von Glamour war, betrug die Auflage drei Millionen – eine Million mehr als Vogue – eine beachtliche Zahl, sogar für amerikanische Standards. Liberman war Mitte der neunziger Jahre ausgeschieden, etwa zu der Zeit, als Computer in Kunstabteilungen Einzug hielten. Danach war nichts wie vorher. Diese skurrile Kreativität war vorbei. Keine wilden Collagen mehr. Schnell gewannen die „Erbsenzähler“ überhand. Das Budget wurde geringer. Inzwischen war ich Artdirector der Zeitschrift Self, einem weiteren Titel von Condé Nast.

Entwarfen sie jemals Magazine in einem „papierlosen“ Büro?

Mit dem Erscheinen von Computern war es nicht so, dass Papier vollständig verschwand. Doch was ging, war diese freudige Geschäftigkeit und das Kameradschaftsgefühl der vordigitalen Zeit. In den ersten fünfundzwanzig Jahren meiner Karriere als Artdirector eines Magazins, während wir noch alle Zeitschriften von Hand entwarfen, saß ich nur selten. Wir arbeiteten alle zusammen in einem gemeinschaftlichen Kunstraum und standen dabei vor hohen, geneigten Schreibtischen, die den Tischen von Architekten ähnelten. Wir zogen herum. Wir holten Material ab. Wir liefen hin und her. Wir erzählten Geschichten. Sie werden denken, dass das körperlich aufreibend war, doch dem war nicht so.  Oh, es machte richtig Spaß! Wir arbeiteten schwer, doch gleichzeitig fühlten wir uns privilegiert, denn wir waren bei einem der angesehensten Zeitschriftenhäuser weltweit angestellt.

Litt die Qualität von Magazinen unter der Einführung von Computern?

Am meisten litt unsere Gesundheit! Die Kunstabteilung wurde ein Ort zum Hinsetzen. Wir verloren all unsere Übung und die Geselligkeit. Wir bekamen Fettpölsterchen, weil wir den ganzen Tag vor unseren Schreibtischen saßen!

Korpijaakko's notebookTitel - Glamour Cover
Designer - Kati Korpijaakko
Photograph - Paul Lange
Model - Rebecca Romijn
Veröffentlicht - June 1996
Klient - Condé Nast Publications

Welche anderen Veränderungen nahm sie wahr?

Was die Zeitschriften am meisten änderte, war nicht die papierlose Technologie. Sicher, einige Designer und Artdirectors waren ganz verrückt nach Software wie Photoshop oder Illustrator, aber bei Condé Nast war nicht der Unterschied im Design als erstes erkennbar. Nein, was die Magazine veränderte war Internet, die Tablets, um genau zu sein. Neue Lesegewohnheiten waren der wichtigste Faktor, der Einfluss auf die Neugestaltung der Zeitschriften hatte. Ich bin dafür ein gutes Beispiel: Ich liebe Papier und ich bevorzuge die gedruckten Versionen von Zeitschriften, aber ich lese Magazine online. Modemagazine lese ich ausschließlich, wenn ich beim Friseur bin, um die Haare schneiden zu lassen. Ich greife immer zu Zeitschriften auf Papier, wenn ich diese finde, aber aus irgendeinem Grund kaufe ich sie nicht. Auch meine Kinder lesen online Magazine, aber sie lesen ebenfalls Do-it-yourself Papier-Fanzine und Zeitschriften, welche eine Kombination von Kunst und Design sind. Diese Publikationen verwenden Fotografien und Grafikdesign auf kreative Weise. Ich schaue mir diese experimentellen Zeitschriften an, um mir dort Inspiration zu holen.

Wie sehen Sie die Zukunft von Druckerzeugnissen?

Papier wird es immer geben – es wird nur anders wahrgenommen werden. Statt eine Oberfläche zum Drucken von Texten und Bildern zu sein, wird es eine „Umgestaltung“ als ein kreatives Medium erfahren – als ein aufregendes Material für Künstler und Designer. Es geschieht bereits. Einige Buchhandlungen in New York, aber auch in Paris, Barcelona oder Oslo machen ein reges Geschäft mit dem Verkauf von Künstlerbüchern, alternativen Zeitschriften, Plakaten in limitierter Auflage, Undergroundzeitschriften und Magazinen. Einige meiner Lieblingsorte in Manhattan haben mit Druck zu tun, ein Buchladen in der Innenstadt, das Drawing Center und ein kleines Museum in Wooster Street im Stadtteil Soho. Schon wenn man sich nur umschaut, ist man begeistert. Wie zu erwarten gibt es eine Menge Gedichtbände auf Material, das aussieht wie Büttenpapier. Aber Sie finden auch Hochglanzkataloge von Museen, schöne Fotobände und Literaturzeitschriften, die alle auf außergewöhnlichem Papier veröffentlicht werden – einige auf ungestrichenem Recyclingpapier, jedoch auch einige auf wunderbaren, unwiderstehlichen Materialien; anders als alles, was ich je gesehen habe. Dann gibt es noch die ganzen Galerien der Innenstadt, in denen die Werke zeitgenössischer Künstler ausgestellt sind, welche Papier zerfetzen, zerreißen, falten und zu außergewöhnlichen Skulpturen umformen. Für mich, die ich mein ganzes Leben mit elegantem, glänzendem Papier zu tun hatte, ist diese neue unerwartete Entwicklung wirklich inspirierend. Ich sehe dem Papier ein nicht enden wollendes Leben voraus. Nichts kann es mehr aufhalten.

Was bedeutet Papier demnach heute für Sie?

Ich benutze Papier in meiner eigenen Arbeit. Ich nahm an Lehrveranstaltungen zur Papierherstellung teil. Papier ist für mich nicht mehr eine bloße Oberfläche – es ist ein Konstruktionsmaterial wie Marmor, Lehm oder Glas. Ich erstelle Formen daraus. Ich male es mit dünnen Wachsschichten an. Ich färbe es mit pulverisiertem Graphit. Ich webe es in flatternde Wandbehänge, die bei einem Windhauch Geräusche erzeugen. Und manchmal kompostiere ich Zeitungspapier und verwandle es in Mulch für die Pflanzen in meinem Garten in Finnland!